Nieder Weisel

- Blick vom Marktplatz auf die Kirche. Links im Bild das alte Rathaus
2.397 Einwohner (Stand 31.12.09). Prosperierender Stadtteil zwischen Bad Nauheim und der Kernstadt Butzbach gelegen.
Der heutige Butzbacher Stadtteil ist für jeden Freund der Heimatkunde und Bau- und Kunstgeschichte von ganz besonderem Interesse: Noch heute hat die bis zur Gebietsreform selbständige Gemeinde zwei alte Kirchen, die beide bau- und kunstgeschichtlich von hohem Wert sind. Die an mancher Stelle aufgestellten Hinweisschilder mit dem bekannten Johanniterkreuz machen auf eine Sehenswürdigkeit des Orts aufmerksam: auf den Gebäudekomplex der Johanniterkomturei Nieder Weisel.
Die Gemarkung des Orts ist alter Kulturboden und schon seit der Jungsteinzeit fast ständig vom Menschen besiedelt gewesen. Im 6. und 7. Jahrhundert dürfte dann wohl auch der Ort entstanden sein, der 772 zuerst als "Wizele" urkundlich genannt wird. Im 13. Jahrhundert bekam dieser Ort im Gegensatz zu dem bei der höhergelegenen Wasserburg Hoch-Weisel gelegenen Siedlung (ursprünglich Hof Weisel genannt) den differenzierenden Ortsnamen Nieder Weisel. Im 12. Jahrhundert hatten sich die Herren von Arnsburg-Münzenberg in der nördlichen Wetterau einen geschlossenen Herrschaftsbereich aufbauen können, zu dem auch dieser Ort zählte.
Eine sehr alte Dorfkirche
Die Evangelische Pfarrkirche liegt an der höchsten Stelle im alten Ort. Ihr gingen hier bereits mehrere bis ins Frühmittelter zurückgehende Kirchen voraus. Der erhaltene mächtige Westturm (Glockenturm) aus dem 12. Jahrhundert zeugt für die Wehrhaftigkeit der ganzen ehem. Anlage. Auch die starke Ummauerung des Kirchhofs ist als letzter Rest der ehemaligen Kirchenbefestigung anzusehen, die den Ortseinwohnern in Kriegszeiten die letzten Zufluchtsmöglichkeit bieten sollte. Für eine Wetterauer Dorfkirche einmalig ist auch die Gliederung des romanischen Turmes durch Lisenen und Rundbogenfriese mit Resten figuralen Tierschmuckes.
Sitz des Johanniter-Ordens
Wichtig für die weitere Entwicklung des kleinen Bauerndorfs Weisel sollte eine Entscheidung werden, die mit ziemlicher Sicherheit von Reichskämmerer Kuno I. von Münzenberg bald nach 1185 getroffen wurde, als sein Dienstherr, Kaiser Friedrich I. Barbarossa, dem geistlichen Ritterorden der Johanniter einen Schutzbrief ausgestellt hatte. Kuno I. stattete nämlich anscheinend in den Jahren darauf den Orden mit seinen Gütern in Nieder Weisel so großzügig aus, dass man hier eine eigene Kommende, einen Verwaltungs- und Wirtschaftsmittelpunkt mit hoher Selbständigkeit, einrichtete, die 1245 erstmals erwähnt wird.
Mit Unterstützung der Münzenberger dürften dann bald darauf Bildhauer und Handwerker aus dem Elsaß geholt worden sein, die hier in Nieder Weisel eine der wenigen zweigeschossigen Längskirchen in Deutschland errichteten und ein Baudenkmal vorzüglichen Ranges schufen. Es handelt sich dabei um eine im Erdgeschoß vierjochige, dreischiffige Halle, mit einer Vorhalle im Westen und einer halbrunden Hauptapsis im Osten und zwei außen rechteckigen Nebenapsiden. Das im 13. Jahrhundert unvollendete Obergeschoß diente als Krankensaal, damit die Kranken ebenfalls am Gottesdienst teilnehmen konnten.
Heute befinden sich in Nieder Weisel das Johanniter-Ordenshaus (Geistiges und geistliches Zentrum des Johanniter-Ordens in Deutschland) mit der einzigen Kirche im Besitz des Ordens, außerdem die Geschäftsstelle des Landesverbands Hessen/Rheinland-Pfalz/Saar der Johanniter Unfallhilfe.
So stehen diese alten Gebäude, die mit ein Stück Nieder Weiseler Geschichte bilden, auch heute noch im Dienste der sozialen Fürsorge und Mitverantwortung, wie schon vor über siebeneinhalb Jahrhunderten!
Bald nach dem 2. Weltkrieg wurden zahlreiche Heimatvertriebene an der Gemarkungsgrenze nach Butzbach angesiedelt. Sie gründeten die Waldsiedlung, die bis heute zum Stadtteil gerechnet wird und aus der sich inzwischen eine großzügig geplante Wohnsiedlung entwickelt hat.
Am Ort befindet sich eine gut ausgebaute Grundschule (die Haingrabenschule). An dem verkehrsgünstig gelegenen, pulsierenden Ort sind nach dem 2. Weltkrieg große Neubaugebiete entstanden. Ein blühendes Vereinsleben hat sich etabliert. (Dr. Wolf)
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