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Friedrich Ludwig Weidig: Predigt „vom gemeinen Nutzen“

Der Trieb nach Geselligkeit, den Gott dem Menschen von
Natur einpflanzte, wird erhöht durch das Bedürfniß der Hülfe
und Unterstützung, das jeder Einzelne in Hinsicht seiner Mitmenschen,
das jeder Stand in Hinsicht der übrigen Stände
fühlt. Alle Menschen bedürfen der Hülfe ihrer Mitmenschen;
alle Menschen sollen ihren Mitmenschen, alle Stände sollen
sich wechselseitig Beistand leisten. Alle sind, wie unser Text
sagt, Glieder Eines Leibes und nicht für sich allein kann und
soll Ein Mensch, Ein Stand Geistesbildung und sittliche Vollkommenheit
erringen. Alle sind, wie unser Text sagt, Glieder Eines
Leibes und die Thatkraft Aller soll zum geistigen und bürgerlichen
Wohlergehen zusammenwirken.
Dies fordert Alle auf zur Liebe, Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit,
zu allen Tugenden, durch welche das Menschengeschlecht
nach Gottes weiser Leitung von der Unvollkommenheit
zur Vollkommenheit in alle Ewigkeit fortschreiten soll. Dies
verbeut allen, daß Ein Mensch, Ein Stand nur für sich und seinen
Nutzen sorge. Es sind mancherlei Gaben, Aemter und
Kräfte, sagt Paulus in den Worten unsres Textes, aber es ist Ein
Gott, der da wirket Alles in Allem, und in einem Jeglichen erzeigen
sich diese Gaben des göttlichen Geistes zum gemeinen
Nutzen.
Zwar hat jeder Einzelne das Recht, auf seinen Nutzen zu
sehen, welchen Stand er angehöre, aber Keiner hat das Recht,
seinen Nutzen höher zu setzen, als den seines Nebenmenschen,
keiner hat das Recht, seinen Nutzen dem gemeinen
Nutzen gleichzusetzen oder gar ihn zu suchen in gemein
schädlichen Dingen und Thaten. Alle Glieder Eines Leibes, wiewohl
ihrer viele sind und sie mancherlei Geschäfte haben,
sind sie doch Ein Leib und ein Glied ist so nöthig und nützlich
als das andere und der ganze Leib ist mehr werth, als ein einzelnes
Glied. Darum sollen Alle ihren Nutzen dem gemeinen
Nutzen unterordnen; darum sollen, wie unser Text sagt, alle für
einander gleich sorgen; und wie jeder Einzelne in seinem
Stand sein besonderes Wohl beachten und seine besondere
Pflich erfüllen soll, so sind Alle zur Theilnahme am Allgemeinen
berechtigt und verpflichtet.

Pfarrer Weidig hielt die Predigt über 1. Korinther 12, 3 — 28 um 1819 in
Butzbach. Sie wurde zuerst veröffentlicht in „Reliquien D. Friedrich
Ludwig Weidig's, gewesenen Pfarrers in Obergleen im Großherzogthume
Hessen. — Zum Besten der Wittwe Weidig's herausgegeben von
einigen Freunden.“ (Mannheim, Verlag von Heinrich Hoff, 1838).
Unser Abdruck folgt der Faksimile-Ausgabe in „Friedrich Ludwig Weidig,
Gesammelte Schriften“ Herausgegeben von Hans-Joachim Müller
im Auftrag der Gesellschaft Hessischer Literaturfreunde, 1987 Darmstadt
(S. 193-214).

Auszug mit freundlicher Genehmigung aus dem Informationsheft der Weidigschule Nr. 1.

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