Interview mit Stefan Gwildis
Wie hast du erfahren, dass dein neues Album von Null auf 2 in die offiziellen deutschen Charts schoss?
Als ich die gute Nachricht hörte, war ich in Dortmund unterwegs, habe vom Chart-Entry telefonisch erfahren. Ich freu mich diebisch, weil es viele Menschen gab, die sagten: Stefan, mach mal lieber auf englisch, oder Stefan, was du machst ist ja Material für ein adultes Publikum, in der Musik geht es doch um Impulskäuferschaft – Danke schön! Ich dachte immer, man macht Musik, weil es ein Ventil ist, eine Herzensangelegenheit. Insofern freue ich mich, das es doch noch Menschen gibt, die mit dem adulten Material etwas anfangen können. Und dann freu ich mich natürlich, für die vielen Leute, die mitgezogen haben, für Michy Reincke, die ganze Band, die Plattenfirma, die echt mit Leib und Seele dahintersteckt. Dass wir so weit nach oben gekommen sind, ist das Verdienst von vielen Leuten, die an einem Strang gezogen haben.
Du bist ja auch in die Promotion persönlich involviert...
Es ist einerseits ziemlich anstrengend, Werbung zu machen, umher zu reisen, immer wieder andere Betten, schlechte Luft. Aber was gibt es Schöneres, als darüber zu reden, was wir uns musikalisch ausgedacht haben? Wir haben fast 2 Jahre an der Entwicklung der Songs und der Texte gesessen. Du lässt dabei schon das Innerste nach Außen. Wir reden da über Dinge, die mich selber angehen, die mich direkt berühren und die in meinem Umfeld passieren. Da muss ich dann auch selber ran, das Produkt zu verkaufen.
Was ist dir in deinen Songs besonders wichtig? Was muss da rüberkommen?
Es ist einerseits der Groove, der mich mitreißen muss, die Musikalität dabei, eine bestimmte Art von Akkordfolgen. Textlich ist es Mut, ist es Zuspruch. Ich weiß von mir selber, wie gut ich das gebrauchen konnte, wenn ich mal richtig unten war und nicht wusste, wie es weitergeht. Dass es da Freunde gab, die ich immer anrufen konnte oder die mich angerufen haben, die mich da unterstützt haben, mir so was gesagt haben wie „Irgendwas geht immer“. Die nicht sagen, ich bin gescheitert, sondern die sagen: Wie geht’s weiter? Was kann ich noch tun?
Was muss ein Coversong haben, um auf deinem Album zu landen?
Er muss mich mit auf die Reise nehmen. Das ist alles. Ich muss da auch inhaltlich mitgehen können. Da ist es egal, ob er aus der Klassik oder dem Soul kommt – wenn mich da jemand an die Hacken packt und sagt: Stefan, komm mit ich will dir was erzählen, dann bin ich dabei.
Sind da Songs dabei, die du vor langer Zeit gehört hast und die dich jetzt wieder neu erobern?
Nein, es sind oft Lieder, die mich schon einmal gepackt haben. Nehmen wir „Natural Man“ von Lou Rawl heraus. Es ist seine Definition von Freiheit, die damals in den Sechzigern und Siebzigern für schwarze Amerikaner stand. Was bedeutet das jetzt für uns heute und hier? Wir hatten den Fall der Mauer, es wird viel über sogenannte Freiheit gesprochen, aber was meint man damit 2007? Das finde ich wichtig, mal wieder unter die Lupe zu nehmen.
Ich bin mehrfacher Stief-Papa und Stief-Opa, habe nun auch ein eigenes Kind, und erlebe als Miterziehender auch die ganzen Verlockungen, denen man ausgesetzt ist und denen auch mal nicht nachzugeben, mal zu fragen, ob man den ganzen Schei** wirklich braucht. Ob man dieses neue Handy braucht oder die Markenklamotten. In Hamburg haben sie vor wenigen Tagen zwei Schüler von 12/13 Jahren überfallen und ihnen die Sachen weggenommen. Die hatten tatsächlich Klamotten für mehr als 2000 Euro an. Da stellt sich die Frage: Ticken die noch richtig? Worüber definieren die sich? Das trägt dazu bei, dass ich ein glühender Verfechter der Einführung von Schuluniformen werde. Durch diese Definition über Äußerlichkeiten entsteht, und deshalb spreche ich das Thema auch an, eine Form von Un-Freiheit. Lou Rawls spricht von einem „Leben in Ketten“, das hat natürlich für die schwarzen Amerikaner eine ganz andere Geschichte. Die hatten die Ketten wirklich angelegt bekommen. Aber wir hier in Europa legen uns die Ketten selbst an, indem man sich selbst verschuldet, weil nicht genügend darüber nachgedacht wird. Das Dumme daran ist, wenn die Kinder oder Jugendliche dann in ein strafmündiges Alter kommen, sind sie bereits hoch verschuldet. Sie haben dann kaum noch eine Wahl, zu entscheiden, was mache ich mit meinem Leben. Dann kommt der Banker an: Pass mal auf du Schlauberger, ich will dir mal sagen, wohin die Reise geht. Du siehst erst einmal zu, dass du den Haufen abbezahlst. Das sind auf jeden Fall auch Themen, die ich ansprechen möchte. Wenn man über Freiheit spricht und wenn man nicht nur das Plakat hochheben will mit dem Schriftzug, muss man sich auch mal fragen: Was ist das, Freiheit?
Die Texte der Lieder sprechen ja viele verschiedene Themen an, und das macht es auch so interessant, da wirklich einmal von vorn nach hinten durchzuhören. Da klingt auch vieles, wie selbst erlebt.
Es gibt eine Geschichte zu „Großer Mond“: Meine Schwester wohnt in Kyritz, in Brandenburg, in einer Gegend mit hoher Arbeitslosigkeit. Da schalten sie tatsächlich abends ab 20 Uhr den Strom für die Straßenbeleuchtung ab. Man sagt immer gern: „Dunkeldeutschland“. Aber dass dieser Begriff dort eine so fassbare Realität bekommt, genau da, wo die Menschen ohnehin schon im Düstern hängen, von der Stimmung her, da wird auch noch das Licht ausgeschaltet.
Im Lied sitzen ein paar Jungs in einer Kleingartensiedlung zusammen und der Stoff geht aus. Einer, Holger, wird losgeschickt um Nachschub zu holen. Der fährt mit dem klapprigen Fahrrad los, es ist dunkel, aber der Mond scheint hell. Und dann beginnt der Dialog mit dem Mond – ein super-interessantes Bild.
Du singst von der Reeperbahn als deinem Kiez. War er das wirklich für dich?
In Hamburg sagen wir Kiez dazu, es gibt bei uns nur den einen. Ich bin Hamburger, meine Eltern kommen aus Hamburg, meine Großvater war Getreidekontrolleur im Hafen gewesen, meine Großmutter hatte dort eine Kneipe. Das ist meine Sprache, mein Zuhause, das ist da, wo ich jede Menge zu tun habe durch meine Jobs. Es ist einfach meine Stadt.
Wenn man das Album hört oder auch ein Konzert von dir sieht, bekommt man den Eindruck, du bist wirklich ein Rock- und Soul-Fan, nicht nur Sänger. Woher rührt diese Begeisterung für Rock und Soul?
Soul ist für mich nicht nur die Bezeichnung für eine Musik, sondern auch eine Haltung. Soul ist etwas, wo sich viele verschiedene Stilistiken treffen. Soul ist Blues, Gospel, Spiritual, Klassik, Jazz. Es vereint ganz viel, auch viele verschiedene Themen. Nicht nur Herz und Schmerz, sondern auch soziale bis hin zu politischen Aussagen. Soul ist eine vielfältige Beschreibung von sich selbst und den Umständen. Das ist es, was mich immer wieder mitreißt.
Wenn ich z.B. an Billie Holiday denke, und die von „Strange Fruits“ singt, von „merkwürdigen Früchten“ die an den Bäumen hängen und damit die Schwarzen meint, die dort aufgehängt wurden, da krieg ich eine Gänsehaut. Das beschreibt Dinge, die du eigentlich gar nicht in einem Lied ausdrücken kannst. Das wird mit einer Wucht und mit einer Trauer in die Musik gebracht, das finde ich großartig.
Für einen deutschen Künstler scheint es schwierig, sich damit zu identifizieren.
Aber wir haben ja auch eine Geschichte, und auch Umstände, wo ich sage: Ich möchte es zumindest versuchen. Wir haben einen Titel, der heißt „Hinter den Gardinen“. Da geht es um Missbrauch. Lange mochte ich das Thema nicht anpacken, weil mir der Zugang dazu fehlte. Ich fand die Worte nicht dafür, hatte aber ganz lange schon die Musik. Das wollte ich gern machen, weil ich weiß, das ist eine Thematik, die ganz viele Menschen, ganz viele Frauen, berührt. Laut Auskunft vom „Weißen Ring“ ist das in jeder dritten, vierten Familie der Fall. Unglaublich! Wir haben im letzten Jahr ein Benefiz Konzert für den „Weißen Ring“ im Hamburger Schauspielhaus gemacht und da hat man mir über eine ältere, mittlerweile 92-jährige Dame erzählt, dass sie in diesem hohen Alter zum erstenmal in ihrem Leben über die Erlebnisse als Kind sprechen konnte. Das ist unglaublich! Neun Jahrzehnte hat sie diesen Schei** mit sich rumgetragen, konnte das Niemanden erzählen.
Was dreht sich zur Zeit bei dir im CD Player?
„Israel & New Breed“, das ist eine Funk-Soul-Gospel-Formation, mit einer Liveaufnahme eines Gottesdienstes. Ich bin ja viel in den Staaten gewesen, habe mir die Baptisten angehört, da jagte eine Gänsehaut die nächste. Es ist Klasse zu sehen, wie die Sängerinnen im lila Talar im Takt wippten, ein geiles Schlagzeug, eine tolles Piano und eine Orgel dröhnte da noch. Die sind von einer Trauer und Beseeltheit gewesen, und die Fortführung dessen höre ich jetzt grad auf der CD von „Israel & New Breed“.
Ich höre natürlich auch viel „querbeet“. Erst vor kurzem entdeckte ich eine schwedische Band, Fjarill. Da dachte ich: Mein Gott, ist das wunderschön, von einer musikalischen Poesie. Die habe ich in der Hamburger Musikhalle live gesehen. Eine Pianistin und eine Geigerin. Bei uns sind sie noch vollkommen unbekannt.
Du bist seit 2 Jahrzehnten teil der Hamburger Szene. Was tut sich da gerade?
Da gibt’s viele Leute, die sich für den Nachwuchs einsetzen, wie mein alter Freund Michy Reincke. Der hat mit einem Bekannten zusammen eine Auftrittsreihe ins leben gerufen, die heißt „Lausch-Lounge“. Innerhalb dieser Reihe werden Künstler aus Norddeutschland vorgestellt. Was da so alles zum Tragen kommt, wer da so alles mitmacht und welche Stile bedient werden – alle Achtung! Da sind junge Leute am Start, die mit einer unglaublichen Vielfalt, mit verschiedensten Musikstilistiken und mit einer Tiefgründigkeit in den Texten da rangehen.
Wie bekommen diese Leute ihre Chance?
Besonders Michy und ich haben die Radios immer wieder genervt und jetzt reagieren sie endlich. Der NDR macht künftig sogar eine Serie daraus. Sie nennen es „Hamburg Sounds“ und stellen einmal im Monat vier Acts vor. Die Serie begann am 12. Februar mit einem Konzert im „Tivoli“, das zwei Stunden lang live über den Sender ausgestrahlt wurde. Das ist aber nur ein kleiner Anfang.
Du bist ja bis vor Kurzem auch als Newcomer betitelt worden.
Ich hatte eine tolle Eintragung in meinem Gästebuch. Da schrieb einer: „Stefan, die Blockade hat ein Ende. Die spielen dich jetzt auf NDR2 am helllichten Tag.“ Das war einer der schönsten Kommentare, die ich über mich im Internet lesen konnte. Da macht man seit über 20 Jahren Musik in Hamburg und schon spielen sie mich im Radio. Ich freu mich auch darüber, aber das ist nicht der Punkt. Wichtiger ist für mich, dass sie auch das mal abbilden, was es neben dem Mainstream auch noch gibt, wie z.B. „Hamburg Sounds“.
Zur Zeit wird wieder der „Superstar“ gesucht. Was hältst du von dieser Art Talentsuche?
Ich habe große Schwierigkeiten mit dieser zynischen Grundhaltung im Sendekonzept. Das ist nichts für mich. Thomas Stein habe ich einmal gesehen, wie er ein junges Mädchen in Grund und Boden gebrüllt hat, auf so eine fiese Art und Weise. So kann man nicht mit jungen Menschen umgehen. Viele haben leider auch Gefallen daran, andere Leute Scheitern zu sehen. Oder auch jemanden zu sehen, der da durch kommt.
Jeder weiß es eigentlich: Retortengeburten sind problematisch. Wenn man wirklich Talente fördern wollte, würde man mit ihnen anders umgehen. Es ist so, dass viele der angesagten Künstlern nicht unbedingt die besten Sänger sind. Das sind aber Menschen, die für sich etwas gefunden haben. Die können alle eins sagen: Ich mach das, weil ich das machen muss! Ich habe etwas zu sagen. Jemand wie Udo Lindenberg z.B. ist ein Typ, der hat etwas in der Birne und der hat was zu sagen. Er macht das auf seine spezielle Art. Und es wird immer etwas sein, womit Menschen etwas zu tun haben wollen. Er hat seine eigene Sprache gefunden.
Darum geht es mir, wenn du mit Jugendlichen zu tun hast: diese Sprachlichkeit zu finden, die nicht aus Grund und Boden zu stampfen, sondern bewusst zu suchen. Versuch deinen eigenen Sound zu finden. Egal ob es um Gesang geht, um Darstellung oder Spiel. Als erwachsener Mensch, der das begleitet, bist du ja so etwas wie ein Gärtner, der die jungen Pflanzen betreut und herausfinden muss: was ist das für ein Charakter, wo kann das hingehen. Das ist es, was Spaß macht. Ich bin davon überzeugt, dass ganz Viele, die begabt sind, gar nicht für diese Casting-Show genommen werden. Das Prinzip Zynik kann nicht gut gehen.
Jetzt muss ich auch mal Dieter Bohlen in Schutz nehmen. Alle zerreißen sich über den das Maul. Aber das ganze Konzept ist so fad und faul, dass man nur sagen kann: Ihr seid doch nicht ernsthaft daran interessiert, das hier jemand gewinnt, der wirklich begabt ist und was drauf hat. Ihr könnt mir nicht erzählen, dass es unter 30.000 Leuten nicht 100 richtig geile Sängerinnen und Sänger gibt. Ich sehe das bei uns in Hamburg: Da sind Leute am Start, die mit einer unglaublichen Ernsthaftigkeit Musik machen, auch mit Spaß und mit Respekt. Die wollen etwas auf musikalische Weise ausdrücken. Was jetzt von dort auf uns zukommt, ist die Weiterentwicklung der „Neuen Deutschen Welle“ aus dem Achtzigern. Für mich ist das eine große Freude.
Interview: Andreas Weihs
Karten für das Konzert mit Stefan auf dem Hessentag gibt es bei der Butzbacher Stadtkultur und hier.